“Der Spiegel” über Peace Counts in der Elfenbeinküste
Der Spiegel berichtet in seiner Ausgabe vom 24.08.2009 unter dem Titel “Die Macht der Worte” über Peace Counts in der Elfenbeinküste.
Mitten in einer dieser afrikanischen Nächte geht das Licht aus, und für einen Moment scheint es, als müssten die Deutschen aufgeben. Sie haben Regengüsse überstanden wie am Jüngsten Tag, Reifenpannen, einen Autounfall. Jetzt ist der Strom ausgefallen, Generatoren gibt es nicht. Vögel schreien aus dem Urwald, schwere Monsunwolken schieben sich vor den Mond, und auf dem Marktplatz haben sich die Bewohner des Dorfes Guanguiné versammelt, 2000 Menschen sitzen da und warten, aber es ist finster.
Die Deutschen sind im Verzug, vor zwei Stunden hätte ihre Show beginnen sollen. Die Dorfältesten sind eingenickt auf billigen Plastikstühlen, Kinder dösen, in bunte Tücher gewickelt, auf dem Rücken der Frauen. Die Deutschen brauchen Licht, sonst war es das hier. Sie fahren einen Mercedes-Bus vom Goethe-Institut in die Mitte des Platzes und richten die Scheinwerfer auf die Wartenden. So könnte es gehen, die Show beginnt.
Sie nennt sich “faiseurs de paix”, Friedensmacher, es ist eine Art Dorftheater mit mobiler Radioshow.
Ein Geschichtenerzähler tritt auf, es ist Fortuné, 48, bekannter Schauspieler aus der Hauptstadt Abidjan. Er erzählt von einem Anwalt, der Unschuldige aus Gefängnissen holt, einer Frau, die 52 Kriegswaisen aufzieht, einem Projekt, das ehemalige Rebellen entwaffnet und ihnen Arbeit besorgt, einem Lehrer, der Konflikte schlichtet zwischen Nomaden und Bauern.
Und weil es keinen Strom gibt und auch keine Großbildleinwand, läuft Tilman Wörtz, 36, Reporter aus Schwaben, mit seinem Laptop herum und zeigt Fotos zu den Geschichten. Ivorische Fotografen haben sie gemacht, ivorische Journalisten haben Reportagen dazu geschrieben, geschult wurden sie von Wörtz und seinen Kollegen der Agentur Zeitenspiegel. Es geht um Entwicklungshilfe mit der Macht der traditionellen Erzählung. Um die Kraft der Worte in konfliktreichen Zeiten; ein Projekt als Parabel über das, was Journalismus bewirken kann.
Zwei Wochen sind zehn Ivorer und vier Deutsche von “Peace Counts”, einem Netzwerk aus Journalisten, Fotografen und Friedensforschern, unterwegs. 2800 Kilometer weit, kreuz und quer durch die Elfenbeinküste, tragen sie Geschichten zu den Menschen in Dörfern ohne Strom und Fernsehgeräte, wo kaum jemand lesen und schreiben kann. Geschichten von einfachen Menschen sollen erzählt werden, die sich einsetzen im zerrütteten Land, die Lösungen suchen für Armut, Kriegsfolgen, Stammeskonflikte und korrupte Politik.
Die Elfenbeinküste gilt heute als eines der instabilsten Länder der Welt, elend arm wegen schwankender Kakao- und Kaffeepreise. Zerrüttet seit dem Bürgerkrieg, der 2002 ausbrach und immer noch weiterschwelt. Geteilt in feindliche Lager; regierungstreue Soldaten im Süden und Rebellen im Norden. Kontrolliert von Blauhelm-Soldaten und der französischen Armee.
Im Herbst sollen hier Wahlen stattfinden, seit Jahren werden sie verschoben. Wird sich die Lage verschlimmern, wird es Ausschreitungen geben wie in Kenia oder Südafrika?
Wie man Kriege macht, wissen die Menschen von Guanguiné. Hier hat der Bürgerkrieg besonders brutal gewütet, Frauen wurden vergewaltigt, Männer gefoltert und ihre Leichen in den Fluss geworfen, so erzählen es die Dorfältesten. Dann kam die Armee in die Dörfer, versprach Fortschritt, dann kamen Rebellen, versprachen Zukunft, hielten keine ihrer Versprechungen, plünderten. Und jetzt sollen sie ausgerechnet diesen Schauspielern und Fremden glauben, die wieder schöne Worte machen und nicht mal für Strom sorgen können?
Ein Wagnis, aber es funktioniert. Mit weiten Gesten steht Fortuné auf dem Marktplatz, gibt den Wanderprediger und den Clown. Gibt den Menschen aus den Reportagen eine Stimme, reißt die Augen auf, macht Witze. “Nehmt euch ein Vorbild an diesen Ivorern”, ruft er. “Frieden ist machbar, tut etwas, schlaft nicht ein!” Die Menschen hängen an seinen Lippen, lachen, staunen, diskutieren sogar. Den Deutschen ist Fortunés Art der Erzählung zu befehlend, zu moralisch. Das müsse hier so sein, sagt Fortuné, das werde so erwartet. “Seht doch”, sagt er, “jetzt wollen sie wissen, wie man Frieden macht.”
Dann tritt Madame Soro auf, 38, eine dralle Ivorerin mit roter Perücke, eine der Aktivisten aus den Reportagen. Sie erklärt, warum jeder im Dorf wählen gehen muss und wie man sich in die Wählerlisten eintragen lässt, und sie fragt, wie sie hier den Krieg erlebt haben, Wort-Therapie nennt sie das.
Normalerweise schlichtet sie Konflikte in den sogenannten Parlements von Abidjan, jenen Propagandaversammlungen der politischen Lager. Parlements sind eine Art ivorische Hitlerjugend, junge Männer lassen sich einlullen von Hassparolen, wettern gegen Einwanderer aus Burkina Faso und Ghana und gegen Weiße, ehemalige französische Kolonialherren, die bis heute Bodenschätze raubten und eine Wiedervereinigung verhinderten. Soro lehrt die Jugend, mit Argumenten zu streiten, nicht mit Fäusten. Ihr Vorbild ist die Wahrheitskommission in Südafrika.
Wenn die Deutschen wieder abgereist sind und wenn sie Sponsoren findet, will Soro mit der Show weiterziehen, durch weitere Dörfer, für die Zukunft ihres Landes.
Plötzlich fegt kühler Wind über den Dorfplatz, und Monsunregen platzt aus den Wolken. Jemand bringt Schirme, die Deutschen machen weiter. Die Ivorer bleiben sitzen im Regen, hören still zu. Es wird darauf ankommen, ob sie aufstehen werden und für Frieden kämpfen, für Fortschritt und freie Wahlen, ob Worte zu Taten werden.







